Der Bitcoin und andere digitale Währungen sind beliebte Investment-Themen - aber sind sie auch nachhaltig? / Symbolfoto: Pixabay

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Können Krypto-Investments nachhaltig sein? Ein Kommentar

Kryptowährungen als nachhaltige Geldanlage – absurde Idee oder sinnvolle Option? ECOreporter hat sich in der Welt von Bitcoin, Ethereum, Dogecoin & Co. umgesehen und zieht ein eindeutiges Fazit.

Kryptowährungen sind derzeit das spektakulärste Investment-Thema. Einer Umfrage der Postbank zufolge besitzen bereits 7 Prozent aller Deutschen Kryptos. Selbst herkömmliche Banken bieten mittlerweile Kryptokäufe an. Der Bitcoin und andere digitale Währungen haben es von der Nische in den Mainstream geschafft, Berichte in renommierten Medien inklusive. Trotz zuletzt hoher Verluste kommt der weltweite Krypto-Sektor aktuell auf eine Marktkapitalisierung von fast 1,2 Billionen US-Dollar und ist damit mehr wert als Amazon.com, eines der größten Unternehmen der Welt.

Neben angeblich sensationellen Rendite-Chancen (die sich in vielen Fällen bislang nicht bestätigt haben) verweisen Krypto-Fans auch gerne auf positive soziale Eigenschaften digitaler Währungen. Die Unabhängigkeit von Zentralbanken und staatlicher Gängelei ermögliche es, Finanzmittel freier und schneller um den Globus zu schicken. Eines der beliebtesten Beispiele für den Nutzen von Kryptos: die Kriegskasse der Ukraine. Das Land hat Regierungsangaben zufolge Krypto-Spenden aus aller Welt rascher und unkomplizierter entgegennehmen können als herkömmliche Geldzahlungen.

Allerdings gibt es gute Gründe, an der Nachhaltigkeit von Kryptowährungen zu zweifeln:

Die Umweltschäden


Kryptos werden vor allem in großen Mining-Farmen erzeugt. Die brauchen mehr Strom als viele Staaten. / Foto: imago images

Die mit Abstand größte digitale Währung Bitcoin verbraucht gigantische Mengen Energie, sowohl beim Erschaffen der Coins (dem sogenannten Mining) als auch bei Überweisungen. Das liegt an der Blockchain, einem komplexen Datensystem, das die Sicherheit der Zahlungsvorgänge garantiert, dafür aber ein weltweit verästeltes, leistungsstarkes Computer-Netzwerk benötigt. Nach Berechnungen des Informations-Portals digiconomist verbraucht eine einzelne Bitcoin-Transaktion so viel Strom wie ein durchschnittlicher US-Haushalt in knapp 73 Tagen. Und sie erzeugt mehr CO2 als 2,6 Millionen Zahlungsvorgänge des Kreditkartenkonzerns VISA. Zudem fallen pro Bitcoin-Überweisung etwa 350 Gramm Elektroschrott an – die Hochleistungsrechner in der Blockchain werden oft schon nach kurzer Zeit ausgetauscht.

Insgesamt verbraucht die globale Krypto-Branche laut digiconomist derzeit im Jahr mehr als 200 Terawattstunden Strom und damit in etwa so viel wie ganz Thailand mit seinen 70 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Zum Vergleich: Das herkömmliche weltweite Finanzsystem benötigt im Jahr etwa 260 Terawattstunden Strom. Den CO2-Fußabdruck der Kryptowährungen schätzt digiconomist auf 114 Megatonnen pro Jahr – das entspricht dem Fußabdruck der Tschechischen Republik. Sollte das Interesse an Kryptos weiter zunehmen, dürften digitale Währungen bald mehr Energie verbrauchen als herkömmliche Zahlungsmittel, obwohl mit ihnen nur ein Bruchteil der weltweiten Geldgeschäfte abgewickelt wird.

Krypto-Befürworter wenden an dieser Stelle gerne ein, dass es energiearme Alternativen zum Bitcoin gibt. Das stimmt, allerdings ist der Marktanteil dieser klimafreundlicheren Währungen bislang gering. Und ob er nennenswert steigen wird, weiß niemand. Denn „grüne“ Coins brauchen auch deshalb weniger Strom, weil sie auf die hochkomplexen (und viel Energie fressenden) Sicherheitsberechnungen der Bitcoin-Blockchain verzichten. Das macht sie anfälliger für Betrug und Hacker-Attacken.

Ein weiteres beliebtes Umweltargument in Krypto-Kreisen: Ja, man brauche sehr viel Strom, aber der lasse sich doch auch mit Wind- und Solarparks erzeugen – mit der Energiewende werde auch der digitale Währungssektor klimaneutral. Das Problem daran: Derzeit gibt es weltweit nicht einmal genug grünen Strom, um eine emissionsfreie Grundversorgung mit etwa Lebensmitteln und Heizenergie zu gewährleisten. Der Ökostrom, den Krypto-Farmen verbrauchen, fehlt anderswo für wirklich Wichtiges. Und dazu kommen die Berge an Elektroschrott.

Die Kriminalität


Der US-Pipeline-Betreiber Colonial zahlte 2021 Krypto-Coins an Erpresser, die das Netzwerk des Konzerns lahmgelegt hatten. / Foto: Unternehmen

Wer mit Kryptowährungen handeln will, muss dazu kein Bankkonto eröffnen. Digitale Geldbörsen, sogenannte Wallets, lassen sich im Internet ohne Identitätsnachweis einrichten. Ihre Besitzer können anonym bleiben – eine Einladung für Kriminelle. Mittlerweile fordern viele Erpresser von ihren Opfern Zahlungen in Kryptowährungen, weil sich deren Spuren leichter verwischen lassen. Auch die Mafia wickelt einen Teil ihrer Geschäfte über Kryptos ab.

Nach Recherchen der amerikanischen Blockchain-Datenplattform Chainalysis lösten im letzten Jahr alleine Cyber-Verbrechen Krypto-Zahlungen im Gegenwert von 14 Milliarden US-Dollar aus – doppelt so viel wie 2020. Zudem soll etwa das Regime in Nordkorea bereits seit Jahren mit Bitcoin-Diebstählen seine Staatsfinanzen aufbessern. Und Drogen, Waffen oder Kinderpornografie werden im unregulierten Darknet zu einem großen Teil mit Kryptos bezahlt.

Das große Nichts

Was bei den Diskussionen um Investments in Bitcoin, Ethereum oder Tether oft vergessen wird: Kryptowährungen sollen eigentlich in erster Linie Zahlungsmittel sein, digitale Alternativen zu herkömmlichem Geld. Doch mit Kryptos lässt sich nach wie vor fast nirgendwo einkaufen. Die Brötchen beim Bäcker, der Eintritt im Schwimmbad, die Eigentumswohnung – Krypto-Zahlungen sind hier bislang nicht vorgesehen. Dass Elektroautos von Tesla in den USA jetzt auch mit Bitcoin bezahlt werden können: vor allem ein PR-Coup von Coin-Fan Elon Musk. Global gesehen haben Kryptowährungen keine Funktion, sie bleiben reine Spekulationsobjekte. Und weil sie nicht das leisten, wofür sie ursprünglich erschaffen wurden, haben sie letztlich auch keinen echten Wert – weder einen gesellschaftlichen noch einen finanziellen.

Gewinne kann mit Kryptos nur erzielen, wer jemanden findet, der mehr dafür bezahlt, als man selbst für sie ausgegeben hat. So steigt der Preis, aber nicht der Wert der Coins – bis das System zusammenbricht. Ein Schneeballsystem.

Die starken Schwankungen

Nachhaltigkeit hat etwas mit Werterhalt, Verlässlichkeit, Stabilität zu tun. All das gibt es bei Kryptowährungen bislang nicht. Die Kurse schwanken sehr stark, die beiden größten Währungen Bitcoin und Ethereum haben seit November 2021 mehr als 60 Prozent an Wert verloren. Der mittelamerikanische Staat El Salvador, in dem der Bitcoin seit 2021 ein offizielles Zahlungsmittel ist, steckt deshalb in der tiefsten Finanzkrise seit Jahrzehnten.

Nicht einmal die sogenannten Stable Coins, die einen festen Umtauschkurs zu Währungen wie dem US-Dollar garantieren sollen, sind sturmfest. Der Stable Coin UST etwa verlor letzte Woche zwischenzeitlich 70 Prozent zum Dollar – ein Einbruch, der das Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Kryptos schwer erschütterte.

Fazit

Vielleicht werden Kryptowährungen eines Tages einen Nutzen für viele Menschen haben. Vielleicht können sie sogar zu mehr Nachhaltigkeit im Finanzbereich beitragen. Derzeit sieht ECOreporter allerdings vor allem Nachteile: Umweltschäden, spekulative Blasen, Spielwiesen für Kriminelle. Nachhaltige Geldanlagen sind der Bitcoin und seine Verwandten bislang nicht.

Wie Sie Ihr Geld wirklich nachhaltig anlegen können, erfahren Sie hier.

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