Kreuzfahrtschiffe, Kohlestrom, Nuklearwaffen – all das hat ECOreporter in angeblich nachhaltigen ETFs schon gefunden. / Foto: imago images, Arnulf Hettrich

  Fonds / ETF

Schon 60 ETFs im Test: Autsch! So wenig grün sind die neuen Lieblinge der Finanzbranche

60 ETFs hat ECOreporter bereits für Sie getestet – eine komplette Übersicht finden Sie unter diesem Artikel. Meist fiel das Ergebnis ernüchternd aus. Denn in angeblich grünen ETFs stecken oft Aktien von Unternehmen, die nachhaltigen Anlegerinnen und Anlegern Bauchschmerzen bereiten dürften. Einige zumindest eingeschränkt empfehlenswerte Kandidaten gibt es aber. Ein Überblick.

Eine Liste mit allen bislang von ECOreporter getesteten ETFs finden Sie unter diesem Artikel oder indem Sie auf diesen Link klicken!

ETFs gehören seit einigen Jahren zu den beliebtesten Finanzprodukten. Viele Medien überschlagen sich regelrecht in Lobhudeleien für diese Produkte. Wie sie generell funktionieren und warum sie kostengünstig sein können, erläutert der Text im Kasten rechts.

Weil Nachhaltigkeit im Trend liegt, setzt die Finanzbranche nun vor allem auf nachhaltige ETFs. Wöchentlich starten neue Produkte. Die nennen sich dann „ESG Screened“ („ESG-geprüft“), „ESG Enhanced“ („ESG-verbessert“), „ESG Leaders“ („ESG-Vorreiter“) oder auch einfach nur „ESG“. Auch Floskeln wie „Low Carbon“ („kohlenstoffarm“) oder „Ex Fossil Fuels“ („ohne fossile Brennstoffe“) sind verbreitet, genauso der Hinweis auf „Socially Responsible Investment“ (etwa „nachhaltiges Investment“), oft SRI abgekürzt.

Atomwaffen und "Big Oil"

Das Marketing-Sprech ist in vielen Fällen schlicht irreführend: So bedeutet „Ex Fossil Fuels“ („ohne fossile Brennstoffe“) nicht etwa, dass es im ETF keine Aktien von Firmen gibt, die auf fossile Energie setzen. Aber wer sollte das auch prüfen? Klarheit schafft schließlich erst der Blick in alle Aktien. Eine Strafarbeit bei manchmal 1.000 Werten. Keine Aufgabe für Privatleute.

Wie schmutzig sind einige der angeblich nachhaltigen ETFs tatsächlich? Beispiel Nuklearwaffen. Produzenten dieser Massenvernichtungswaffen sind beispielsweise die Konzerne Airbus (Europa), Thales und Safran (beide Frankreich). Das belegen Recherchen der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ican) und der Nachhaltigkeits-Ratingagentur V.E (ehemals Vigeo Eiris). Aktien aller drei Firmen finden sich aber in einem nachhaltigen ETF, dem L&G Europe ex UK Equity ETF (Stand: November 2021). L&G steht für Legal & General, das ist der Anbieter dieses ETFs. Es ist ein Finanzunternehmen aus Großbritannien, eins der großen. L&G wirbt für den ETF damit, er fördere „eine Reihe von ökologischen und sozialen Merkmalen“. Wie Massenvernichtungswaffen damit übereinstimmen? Das begründet L&G nicht.

„Big Oil” nennt man die größten Ölfirmen dieser Welt. Sie fördern Erdöl, manche transportieren es und verarbeiten es auch, beispielsweise zu Heizöl oder Benzin. Klimaschädlich ist das alles in höchstem Maß. ExxonMobil, Chevron und ConocoPhillips gehören zu Big Oil. In die Aktien aller drei Firmen investiert ein ETF namens SPDR S&P 500 ESG Screened. Das ist ein Produkt des riesigen US-Vermögensverwalters State Street Corporation. 

Der ETF soll eine angeblich nachhaltige Version des Aktienindex S&P 500 nachbilden. Dieser Index enthält die 500 größten US-Konzerne. Dass der Anbieter für seinen ETF aus den 500 die – irgendwie - nachhaltigen auswählt, kann man der Abkürzung „ESG“ entnehmen. Das Kürzel wird in der Finanzbranche mittlerweile inflationär verwendet, seit Marketingleute glauben, Finanzprodukte würden sich wie von selbst verkaufen, wenn man sie nachhaltig nennt.

ECOreporter hat sich die einzelnen Unternehmen des ETFs angeschaut, die „ESG“ sein sollen. Gefunden hat die Redaktion nicht nur das Big Oil-Trio, sondern unter anderem auch einen Atomkraftwerksbetreiber, mehrere Glücksspielkonzerne und einige Firmen, die gentechnisch verändertes Saatgut vertreiben.

Selbst ETFs, hinter deren Namen man grünes Investment vermuten würde, entpuppen sich beim Blick hinter die Marketingslogans als Klimaschädlinge. Zwei Beispiele: der Lyxor New Energy der französischen Großbank Société Générale und der iShares Global Clean Energy, ein ETF einer Tochter des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock aus den USA. Zwei ETFs also, die „neue“ und „saubere“ Energie im Namen tragen.

ETFs – eine kleine Einführung

ETF steht für Exchange-Traded-Fund, auf deutsch: börsengehandelter Fonds. ETFs kauft man also einfach an der Börse, und zwar ohne den bei den meisten Fonds üblichen Ausgabeaufschlag. ETFs investieren in der Regel in einen Aktienindex, beispielsweise in den DAX, den Dow Jones oder einen der mittlerweile tausenden anderen Indizes. Ändert sich der Aktienindex, wechselt computergesteuert die ETF-Zusammensetzung. Also automatisch, ohne Fondsmanager. Das ist billiger. Daher sind ETFs bei der Jahresgebühr meist deutlich günstiger als Fonds.

ETFs sind aber wie normale Fonds auch "Sondervermögen“. Selbst wenn die Investmentgesellschaft pleitegeht, das Geld der Fondsanlegerinnen und -anleger ist geschützt. Allerdings nicht vor Kursverlusten – die können vorkommen. Doch es wird so gut wie nie vorkommen, dass sämtliche Aktien eines ETF wertlos werden.

Echte Aktien oder Luftnummer?

Anlegerinnen und Anleger sollten darauf achten, dass sie in ETFs investieren, die ihren Index wirklich nachbilden und dessen Aktien kaufen. Das nennt sich „physische Replikation“. Es gibt viele andere sogenannte „synthetische“ ETFs, die den Anlegerinnen und Anlegern nur die Wertentwicklung eines Index bieten, aber die Aktien nicht erwerben. Luftnummern also. ECOreporter-Meinung zu dieser Unterart: Finger weg.

ETFs und Indexfonds: ein feiner Unterschied

ETFs werden oft auch als Indexfonds bezeichnet. Ganz gleich sind die beiden Produktarten aber nicht. Denn ETFs kann man zu den Börsenhandelszeiten kaufen und verkaufen, Indexfonds werden gar nicht an einer Börse gehandelt. Wie bei aktiven Anlagefonds kauft oder verkauft man sie nur einmal täglich über den Fondsanbieter – zum sogenannten Nettoinventarwert, also zum Schlusskurs aller Aktien. Positiv: Indexfonds enthalten immer die Aktien selbst, das ist die oben genannte „physische Replikation“.

Die ECOreporter-Redaktion entdeckte in den ETFs beispielsweise Aktien der Energieversorger Iberdrola (Spanien) und NextEra Energy (USA). Beide sind in ihren Ländern große Anbieter für erneuerbare Energie. Nur: Sie betreiben auch Atomkraftwerke. Kürzlich sind sie immerhin aus der Kohleverstromung ausgestiegen. Der iShares Global Clean Energy war beim ersten ECOreporter-Test 2020 mit einer Nachhaltigkeitsnote von 2,3 noch der zweitbeste ETF überhaupt. Dann stockte iShares den Aktienkorb auf, von 30 auf 83 Unternehmen. Und unter den 53 neuen Firmen erzeugen immerhin 22 Strom auch aus Kohle oder Uran. Bei der Nachhaltigkeit kommt der ETF nun auf ein glattes „Mangelhaft“. Neue, saubere Energie? Eher alt und strahlend.

Geiz ist geil?

Wie können so viele klimaschädliche, nicht-nachhaltige Aktien in ETFs versammelt sein, die sich nachhaltig nennen? Das liegt auch an dem System, mit dem die Indexanbieter ihre Aktienauswahl treffen. In der Regel funktioniert es so: Die Anbieter nehmen einen ganz konventionellen Börsenindex mit vielen Aktien. Dann filtern sie nach bestimmten Kriterien aus diesen oft tausenden von Aktien die nachhaltigsten 25 oder 50 Prozent jeder Branche heraus. Oder auch mal 80 Prozent. "Best-in-Class“ nennt sich das. Das ergibt dann den nachhaltigen Index, und der ist die Grundlage des ETF.

Damit landen dann also auch Aktien aus Branchen, die überhaupt nicht nachhaltig sind (Öl, Kohle, Atomenergie, Rüstung), im grünen Index. Mit der Begründung, dass es immerhin die am wenigsten schädlichen einer nicht-nachhaltigen Branche seien. Ob das die Welt nachhaltiger macht, darf bezweifelt werden.


Braunkohlebagger statt Hambacher Forst: Fossile Energie findet sich in vielen angeblich nachhaltigen ETFs. / Foto: Pixabay

Zwar arbeiten auch viele nachhaltige Fonds nach dem Best-in-Class-Prinzip. Sie haben allerdings in aller Regel noch einen Beirat, der auf die Aktienauswahl schaut. Nachhaltigkeitsbeiräte und andere Gremien kosten jedoch Geld, und hier geizen die ETFs. Es geht ja um ihren Ruf, günstige Gebühren zu verlangen. Etliche nachhaltige Fonds treten zudem in Dialog mit Unternehmen und drängen auf mehr Nachhaltigkeit. Oder sie veröffentlichen es, wenn sie Aktien verkaufen, weil diese Nachhaltigkeitsvorgaben nicht erfüllen. Das schafft Öffentlichkeit und setzt Firmen unter Druck. All das fehlt bei nachhaltigen ETFs häufig.

ETFs sind in der Finanzbranche und auch bei vielen Anlegerinnen und Anlegern vor allem wegen ihrer niedrigen Kosten beliebt (siehe Kasten). Verbraucherschützer und Finanzportale empfehlen ETFs als Altersvorsorge. Besonders stark steigt die Nachfrage nach nachhaltigen ETFs: Ende 2020 steckten weltweit bereits mehr als 160 Milliarden Euro in diesen Produkten.

Mit der Nachfrage steigt auch das Angebot: Jede Woche starten neue ETFs, die mit dem Etikett „nachhaltig“ beworben werden. Um die Kosten niedrig zu halten, wird meist an dem gespart, was gute aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds auszeichnet: Nachhaltigkeitsgremien, intensive Dialoge mit Unternehmen, anschauliche Informationen zum Auswahlverfahren. Wie wirklich nachhaltige Fonds beim Auschluss vorgehen, lesen Sie in unserer Analyse Keine faulen Kompromisse: Die Ausschlusskriterien der besten nachhaltigen Fonds

Zwischenfazit im November 2021 – wenig Empfehlenswertes

ECOreporter hat in Anlehnung an seine ECOfondstests ein Testverfahren für nachhaltige ETFs entwickelt. Wertentwicklung, Kosten, Transparenz, die Nachhaltigkeit der Unternehmen im ETF – all das bewertet die Redaktion. Am Ende stehen Noten. Und an denen können Sie sofort erkennen, ob ein ETF tiefgrün, hellgrün oder doch eher so schwarz wie Kohle und Öl ist.

Details dazu, wie ECOreporter benotet, finden Sie hier. Unten im Premium-Bereich lesen Sie eine Zusammenfassung, welche ETFs bislang noch am besten abgeschnitten haben, und können diese per Tabelle vergleichen.

Die weiteren wichtigen Informationen lesen Sie als ECOreporter-Premium-Leser/-in. Einloggen oder Premium-Leser/-in werden.

...

10.11.21 
 >
27.10.21 
 >
20.10.21 
 >
27.09.21 
 >
08.09.21 
 >
25.08.21 
 >
16.08.21 
 >
05.08.21 
 >
29.07.21 
 >
21.07.21 
 >
06.07.21 
 >
01.07.21 
 >
25.06.21 
 >
21.06.21 
 >
14.06.21 
 >
08.06.21 
 >
27.05.21 
 >
11.05.21 
 >
06.05.21 
 >
01.05.21 
 >
24.04.21 
 >
15.04.21 
 >
03.04.21 
 >
30.03.21 
 >
24.03.21 
 >
19.03.21 
 >
16.03.21 
 >
13.03.21 
 >
11.03.21 
 >
04.03.21 
 >
27.02.21 
 >
19.02.21 
 >
15.02.21 
 >
11.02.21 
 >
05.02.21 
 >
04.02.21 
 >
29.01.21 
 >
28.01.21 
 >
22.01.21 
 >
20.01.21 
 >
14.01.21 
 >
07.01.21 
 >
30.12.20 
 >
16.12.20 
 >
09.12.20 
 >
16.11.20 
 >
26.10.20 
 >
14.10.20 
 >
06.10.20 
 >
29.09.20 
 >
15.09.20 
 >
10.09.20 
 >
03.09.20 
 >
27.08.20 
 >
20.08.20 
 >
19.08.20 
 >
03.08.20 
 >
17.07.20 
 >
10.07.20 
 >

Verwandte Artikel

10.11.21
 >
27.10.21
 >
20.10.21
 >
15.08.21
 >
15.06.21
 >
Aktuell, seriös und kostenlos: Der ECOreporter-Newsletter. Seit 1999.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x