Kohle, Öl, Atomkraft: Viele "nachhaltige" ETFs investieren in Konzerne mit fragwürdigen Geschäften. / Foto: Fotolia

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Nachhaltige ETFs im Test: Autsch! So wenig grün sind die neuen Lieblinge der Finanzbranche

ECOreporter hat ein Testverfahren für nachhaltige Aktien-ETFs entwickelt und veröffentlicht regelmäßig ETF-Tests. Besonders genau schaut die Redaktion bei der Nachhaltigkeit hin. Denn in angeblich grünen ETFs stecken oft Aktien von Unternehmen, die nachhaltigen Anlegerinnen und Anlegern Bauchschmerzen bereiten dürften.

Schon seit Jahren testet ECOreporter bereits nachhaltige Fonds. Eine Übersicht über die bisherigen Fondstests finden Sie hier.

Kohlekonzerne, Ölmultis, Fluglinien, Kreuzfahrtanbieter – diese Klimasünder finden sich in nachhaltigen ETFs. Nicht nur in einigen wenigen, sondern in vielen. Das liegt auch an dem System, mit dem die Indexanbieter ihre Aktienauswahl treffen. In der Regel funktioniert es so: Die Anbieter nehmen einen ganz konventionellen Börsenindex mit vielen Aktien. Dann filtern sie nach bestimmten Kriterien aus diesen oft tausenden von Aktien die nachhaltigsten 25 oder 50 Prozent jeder Branche heraus. Oder auch mal 80 Prozent. "Best-in-Class“ nennt sich das. Das ergibt dann den nachhaltigen Index, und der ist die Grundlage des ETF. Damit landen dann also auch Aktien aus Branchen, die überhaupt nicht nachhaltig sind (Öl, Kohle, Atomenergie, Rüstung), im grünen Index. Mit der Begründung, dass es immerhin die am wenigsten schädlichen einer nicht-nachhaltigen Branche sind. Ob das die Welt nachhaltiger macht, darf bezweifelt werden.

Geiz ist geil?

Zwar arbeiten auch viele nachhaltige Fonds nach dem Best-in-Class-Prinzip. Sie haben allerdings in aller Regel noch einen Beirat, der auf die Aktienauswahl schaut. Nachhaltigkeitsbeiräte und andere Gremien kosten jedoch Geld, und hier geizen die ETFs. Es geht ja um ihren Ruf, günstige Gebühren zu verlangen. Etliche nachhaltige Fonds treten zudem in Dialog mit Unternehmen und drängen auf mehr Nachhaltigkeit. Oder sie veröffentlichen es, wenn sie Aktien verkaufen, weil diese Nachhaltigkeitsvorgaben nicht erfüllen. Das schafft Öffentlichkeit und setzt Firmen unter Druck. All das fehlt bei nachhaltigen ETFs.

ETFs sind in der Finanzbranche und auch bei vielen Anlegerinnen und Anlegern vor allem wegen ihrer niedrigen Kosten beliebt (siehe Kasten). Verbraucherschützer und Finanzportale empfehlen ETFs als Altersvorsorge. Besonders stark steigt die Nachfrage nach nachhaltigen ETFs: Ende 2019 steckten in Europa bereits 140 Milliarden Euro in diesen Produkten. Das ist mehr als ein Sechstel des gesamten europäischen ETF-Marktes.

Mit der Nachfrage steigt auch das Angebot: Jede Woche starten neue ETFs, die mit dem Etikett „nachhaltig“ beworben werden. Um die Kosten niedrig zu halten, wird meist an dem gespart, was gute aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds auszeichnet: Nachhaltigkeitsgremien, die auf die Aktienauswahl schauen. Dialoge mit Unternehmen, wenn es Probleme mit deren Nachhaltigkeit gibt. ETFs informieren für gewöhnlich auch nicht darüber, wenn sie Aktien verkaufen, weil diese Nachhaltigkeitsvorgaben nicht erfüllen.

Der ECOreporter-ETF-Test – ein erstes Zwischenfazit

ECOreporter hat in Anlehnung an seine ECOfondstests ein Testverfahren für nachhaltige ETFs entwickelt. Wertentwicklung, Kosten, Transparenz, die Nachhaltigkeit der Unternehmen im ETF – all das bewertet die Redaktion. Am Ende stehen Noten. Und an denen können Sie sofort erkennen, ob ein ETF tiefgrün, hellgrün oder doch eher so schwarz wie Kohle und Öl ist.

Nachhaltigkeitsbester ETF ist nach zwei Dutzend Tests bislang (Januar 2021) der Warburg Invest Global Challenges Indexfonds. Er setzt auf den Global Challenges Index der Börsen Hamburg und Hannover. Der ist nach strengen Nachhaltigkeitskriterien zusammengestellt, und das Nachhaltigkeitskonzept des Index ist seit Jahren überzeugend. Ein Beirat überprüft alles zusätzlich. 

Was man bei dem Indexfonds allerdings wissen muss: Hinter Warburg Invest steht die Hamburger Privatbank M. M. Warburg. Und die ist verwickelt in die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte. Bei denen hatten sich Banken und andere Investoren vom Finanzamt Steuern erstatten lassen, die zuvor gar nicht bezahlt worden waren. Das Landgericht Bonn verurteilte Warburg im März 2020, etwa 170 Millionen Euro zu Unrecht kassierte Steuern zurückzuzahlen. Warburg hat Revision eingelegt.

Der ETF iShares Global Clean Energy liegt mit der Nachhaltigkeitsnote 2,7 nicht weit hinter dem Warburg. Sein einfaches Konzept: Konzentration auf Erneuerbare-Energien-Unternehmen. Die stammen aus dem S&P Global Clean Energy Index. Der Index enthält die 30 größten Unternehmen aus der Erneuerbare-Energien-Branche: Hersteller von Windrädern, Solarmodulen oder Brennstoffzellen sowie Betreiber von Grünstrom-Kraftwerken.

BlackRock als Mutter des ETF-Anbieters iShares ist aber ebenfalls einen genaueren Blick wert: Es ist der weltgrößte Vermögensverwalter und größte Anbieter von ETFs und Indexfonds. Der Geldriese bemüht sich derzeit sehr um sein eigenes Nachhaltigkeits-Image. Aber immer noch steckt ein bedeutender Anteil der von BlackRock verwalteten Gelder in Öl-, Gas- und Kohleinvestments.

Aus nachhaltiger Sicht akzeptabel ist ansonsten nur noch der Deka Oekom Euro Nachhaltigkeit, ebenfalls mit der Nachhaltigkeitsnote 2,7. Die Deka ist das Wertpapierhaus der deutschen Sparkassen. Der Wertzuwachs des ETFs über fünf Jahre fiel zum Testzeitpunkt mit knapp 18 Prozent aber mager aus.

Nachhaltigkeit: Schall und Rauch

Ansonsten lautet ein erstes Zwischenfazit der Redaktion: Autsch! Bis auf wenige Ausnahmen sind die bisher getesteten ETFs eine große Grünwäscherei. Wer hier investieren will, muss sehr genau hinsehen. Namenszusätze wie „Sustainability“, „ESG“ oder Ähnliches führen an wirklicher Nachhaltigkeit Interessierte oft in die Irre.


Auch Investitionen in Kreuzfahrt-Unternehmen gelten manchem ETF als nachhaltig. / Foto: imago images, Arnulf Hettrich

Nichts gelernt: Das muss man der ETF-Branche ins Gesamtzeugnis zur Nachhaltigkeit schreiben. Kostprobe gefällig?

So investiert der L&G Europe ex UK Equity UCITS ETF etwa nicht nur in Betreiber von Atom- und Kohlekraftwerken, sondern auch in Hersteller von Nuklearwaffen. Der UBS ETF S&P 500 ESG wählt als "Nachhaltigkeitsbeste" einfach 75 Prozent der US-amerikanischen Großkonzerne aus. Mit dabei: Erdöl, Glücksspiel, Fluglinien, Kreuzfahrtanbieter. Beide ETFs erhielten, nach vielen "mangelhaften" Urteilen mit als erste schließlich die Bewertung "ungenügend". Sie blieben nicht die einzigen.

ECOreporter wird weiter testen – und darauf hoffen, dass die Branche schnell lernt, was eine nachhaltige Welt braucht.

Details zum Benotungssystem von ECOreporter finden Sie hier.


Übersicht: Alle bisher von ECOreporter getesteten ETFs

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ETFs – eine kleine Einführung

ETF steht für Exchange-Traded-Fund, auf deutsch: börsengehandelter Fonds. ETFs kauft man also einfach an der Börse, und zwar ohne den bei den meisten Fonds üblichen Ausgabeaufschlag. ETFs investieren in der Regel in einen Aktienindex, beispielsweise in den DAX, den Dow Jones oder einen der mittlerweile tausenden anderen Indizes. Ändert sich der Aktienindex, wechselt computergesteuert die ETF-Zusammensetzung. Also automatisch, ohne Fondsmanager. Das ist billiger. Daher sind ETFs bei der Jahresgebühr meist deutlich günstiger als Fonds.

ETFs sind aber wie normale Fonds auch "Sondervermögen“. Selbst wenn die Investmentgesellschaft pleitegeht, das Geld der Fondsanlegerinnen und -anleger ist geschützt. Allerdings nicht vor Kursverlusten – die können vorkommen. Doch es wird so gut wie nie vorkommen, dass sämtliche Aktien eines ETF wertlos werden.

Echte Aktien oder Luftnummer?

Anlegerinnen und Anleger sollten darauf achten, dass sie in ETFs investieren, die ihren Index wirklich nachbilden und dessen Aktien kaufen. Das nennt sich „physische Replikation“. Es gibt viele andere sogenannte „synthetische“ ETFs, die den Anlegerinnen und Anlegern nur die Wertentwicklung eines Index bieten, aber die Aktien nicht erwerben. Luftnummern also. ECOreporter-Meinung zu dieser Unterart: Finger weg.

ETFs und Indexfonds: ein feiner Unterschied

ETFs werden oft auch als Indexfonds bezeichnet. Ganz gleich sind die beiden Produktarten aber nicht. Denn ETFs kann man zu den Börsenhandelszeiten kaufen und verkaufen, Indexfonds werden gar nicht an einer Börse gehandelt. Wie bei aktiven Anlagefonds kauft oder verkauft man sie nur einmal täglich über den Fondsanbieter – zum sogenannten Nettoinventarwert, also zum Schlusskurs aller Aktien. Positiv: Indexfonds enthalten immer die Aktien selbst, das ist die oben genannte „physische Replikation“.

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